Gendersensible Bildsprache

An apple a day… steigert unsere Genderkompetenz. Deshalb seid Ihr jetzt gefragt, denn diese knackigen Beispiele liefern echtes Brainfood für alle, die sich für Bildsprache interessieren.

Hier befassen wir uns mit dem Optischen, denn nicht nur verbale und non-verbale Kommunikation sind sozialisiert, auch optische Darstellungen auf Bildern und in Bewegtaufnahmen (Clips/Videos, Serien, Filme) können Stereotype reproduzieren. Wie kann Bildsprache also gendersensibel und inklusiv gestaltet werden?

Inklusive Bildsprache

„Das Bild soll den Inhalt des Beitrags stützen, die Botschaft muss beim ersten Anblick rüber kommen. Bei längeren Texten setzen Fotos Akzente und illustrieren bestmöglich das Thema.” (1)

Doch hier ist Vorsicht geboten: Um Chancengleichheit in allen Lebensbereichen zu gewährleisten, muss diese auch in Fotos, Illustrationen und Visualisierungen berücksichtigt werden. Gelebte Diversität und Inklusion bedeuten beispielsweise, bewusst auf stereotypisierte Darstellungen zu verzichten, um visuell gleichberechtigte Berufs- und Lebensrealitäten abzubilden.

Gelebte Vielfalt kann sich in folgenden Aspekten zeigen: Kleidung, Körpersprache und -haltung, Positionierung und Ausrichtung, Beleuchtung, Farbwahl, Dekoration sowie der Berücksichtigung verschiedener Diversitätsdimensionen.

Erst durch die Reflexion und Beachtung dieser Dimensionen – wie ethnische und kulturelle Vielfalt, Alter, soziale Herkunft, Geschlecht oder sexuelle Orientierung – kann eine inklusive Bildsprache erreicht werden.

Quelle:

(1) https://www.genderleicht.de/bildredaktion/

Die Macht der Bildsprache

Die Mehrheit der sehenden Menschen betrachtet in der Regel zuerst ein Bild – sei es bei journalistischen Artikeln, in Zeitschriften, Magazinen, auf Websites oder auch im Social-Media-Bereich. Auch deshalb wird Bildern und Videos eine besondere Macht zugesprochen. Noch vor dem Lesen einer Unterschrift vermitteln Bilder bestimmte Botschaften, die zur Konstruktion der Wirklichkeit beitragen. Aus diesem Grund haben bildliche Darstellungen auch einen bedeutenden Einfluss auf die Gleichstellung der Geschlechter. Auch wenn ein Bild immer nur ein Momentum zeigt, ist es wichtig, sich seiner Aussagekraft und Wirkung bewusst zu sein.

Wichtige Merkmale und Bildelemente, über die Gleichstellung und Machtverhältnisse transportiert werden, sind:

  • Kleidung: Wer trägt einen Anzug, wer ist in Freizeitkleidung dargestellt?
  • Haltung der abgebildeten Personen: Wer sitzt? Wer steht? Wer lehnt sich an? Wer steht mit beiden Beinen fest am Boden? Wer wird aktiv, wer wird passiv dargestellt?
  • Blickrichtungen: Schauen Personen auf oder herab? Sind sie auf gleicher Augenhöhe?
  • Anordnung der Personen: Wer ist im Vordergrund, wer im Hintergrund?
  • Bildausschnitte bei Porträtfotos: Werden alle Geschlechter gleichwertig in Größe, Mimik, Farbe, etc. dargestellt?
  • Wer wird in welcher Umgebung gezeigt, z.B. Männer bei der Arbeit, Frauen mit Familie etc.?
  • Tätigkeit: Wer ist in Vortrags-, wer in Pausensituation (bei Tagungen) dargestellt?“ (2)

Quelle:

(2) https://www.wu.ac.at/fileadmin/wu/h/structure/about/publications/aktuelle_Brosch%C3%BCren/fair_und_inklusiv.pdf

Sexismus in der Bildsprache

Insbesondere in bestimmten Branchen oder in Werbeanzeigen wird oftmals bewusst eine stereotypisierte und klischeehafte Bildsprache verwendet.

Ganz nach dem Motto „sex sells“ werden insbesondere Frauen und Frauenkörper aus bestimmten Perspektiven und Blickwinkeln fotografiert, die sie objektivieren und so zum Lustobjekt werden lassen. Der sogenannte „Male Gaze”, also das männliche Starren, reproduziert Sexismus und ist ein Beispiel für die kommerzialisierte Abwertung von Frauen.

Weitere Aspekte von Sexismus in der Bildsprache sind:

  • Stereotypisierung: Darstellung von Rollenbildern, zum Beispiel typisch weiblich, typisch männlich
  • Trivialisierung: einhergehend mit der Stereotypisierung werden beispielsweise Frauen hauptsächlich im privaten, häuslichen oder sorgeleistenden Umfeld abgebildet, Männer hingegen im gesellschaftlich bedeutsameren Kontext von Lohnarbeit
  • Hierarchisierung: Körperhaltung und Kameraperspektive reproduzieren bestimmte Darstellungs- und Machtformen – zum Beispiel: die weibliche Person sitzt an einem Tisch, die männliche Person steht erhaben hinter ihr und erklärt etwas
  • Repräsentation und Marginalisierung: Unterrepräsentation unterschiedlicher Geschlechter und damit die Verdrängung bestimmter Lebensrealitäten
  • Weglassen von Bilddetails: die bewusste Auswahl von Bildausschnitten, um Kontexte zu verschieben, was Sexismus und andere Formen von Diskriminierung begünstigt

Diese geschlechtsspezifischen Darstellungsmuster bieten den Betrachtenden eine Identifikationsfläche, indem sie ihre Weltanschauung bestätigen und reproduzieren. Voraussetzung für die Schaffung visueller Vielfalt sind deshalb Systeme zur Sensibilisierung, die dabei helfen, die ungleiche Abbildung von Geschlechtern zu erkennen.

Lösungen und Tipps für eine inklusive Bildsprache

Inklusive Bildsprache kann als gemeinschaftlicher Prozess aller Beteiligten betrachtet werden. Neben den schon erwähnten Personen, die fotografieren und fotografiert werden, betrifft diese Aufgabe zudem Redaktionen, Auftraggebende, Social-Media-Verantwortliche, Menschen, die die Bilder im Nachhinein bearbeiten und natürlich auch die Personen, die sich Bilder anschauen und entsprechend (Konsum-) Entscheidungen treffen.

Um eine gleichberechtigte, diverse und inklusive Bildsprache zu erreichen, kann Folgendes im Vorfeld beachtet werden:

  • Vielfalt im Bild: Grundsätzlich hilft es, bei der Bildgestaltung eine intersektionale Haltung einzunehmen. So geht es nicht nur um Geschlechtervielfalt, sondern auch um unterschiedliche Altersgruppen, ethnische und kulturelle Vielfalt, die Repräsentation von Menschen mit Behinderung(en) und weiteren Diversitätsmerkmalen. Hier ist es wichtig, die tatsächliche Vielfalt abzubilden und auf Tokenism (= symbolische Darstellung einer Vielfaltsdimension, ohne Vielfalt wirklich zu leben) zu verzichten. Arbeitet in einem Team beispielsweise keine Frau, sollte sie auch nicht aus einem anderen Team dazugeholt, sondern die Unterrepräsentation von Frauen an anderer Stelle aufgearbeitet werden.
  • Aufbrechen themenspezifischer und stereotypisierter Darstellungen: Wie oben schon beschrieben, gilt es, Stereotype und Klischees in bildlicher Darstellung zu vermeiden. Hinzu kommt die Problematik von themenspezifischer Besetzung: Menschen mit Behinderung(en) sollten nicht ausschließlich für Inklusionsthemen instrumentalisiert und Persons of Color nicht nur im Kontext von Interkulturalität abgebildet werden. Auch hier ist es wichtig, Tokenism zu vermeiden. Also, diese eine Person zu finden, die etwas repräsentieren soll, das gar nicht existent ist und damit die Authentizität zu verfälschen.

Einige Reflexionsfragen können dabei helfen, auf eine inklusivere Bildsprache hinzuarbeiten:

  • Welche Botschaft soll das Bild senden? Wie wird diese vermittelt?
  • Werden Menschen mit unterschiedlichen Diversitätsmerkmalen gezeigt?
  • Warum wird etwas auf diese Art dargestellt? Gibt es eine thematische Verbindung?
  • Werden durch die Darstellung Stereotype/Klischees reproduziert?
  • Wäre es möglich, eine dargestellte Person hinsichtlich ihrer Diversitätsmerkmale auszutauschen, ohne die Botschaft zu verändern?
  • Ist die gewählte Darstellung authentisch?
  • Werden bestimmte Personengruppen durch die Darstellung auf- oder abgewertet?
  • Werden Männer und Frauen bzw. eine Geschlechtervielfalt ausgewogen und gleichwertig abgebildet?

Passend zum Thema, empfehlen wir auch:
Das Projekt „Voll im Bild“, initiiert von den Neuen Deutschen Medienmacher*innen, Sozialheld*innen e.V. und dem Lesben- und Schwulenverband Deutschland (LSVD, inzwischen firmiert als Verband queere Vielfalt). Hier wird außerdem eine Checkliste für eine diskriminierungsarme Bildberichterstattung zur Verfügung gestellt.

Quellen:

https://www.wu.ac.at/fileadmin/wu/h/structure/about/diversity_inklusion/WU_Sprachleitfaden_2023.pdf

https://neuemedienmacher.de/fileadmin/dateien/PDF_Borschueren-Infomaterial-Flyer/Voll_im_Bild_Flyer_Auflage-2.pdf

Teilhabe an Bildsprache

Um visuelle Darstellungen für sehbehinderte, blinde und/oder neurodivergente Menschen zugänglich zu machen, ist es wichtig, den Bildern eine Bildbeschreibung hinzuzufügen, auch Alternativ-Text/ALT-Text genannt.

Auf Social-Media-Kanälen und Bildbearbeitungsprogrammen, wie zum Beispiel Canva, gibt es meist vorgesehene Felder für solche Bildunterschriften. Diese Texte sind rein beschreibende Texte, sie sind also frei von Interpretationen. Eine gute Anleitung zur inklusiven Formulierung stellt die Seite Gehirngerecht Digital (5) zur Verfügung. Eine beliebte Anwendung für KI-generierte ALT-Texte ist außerdem über die Be My Eyes App verfügbar.

Zusätzlich ist es im Bewegtbild unerlässlich, Untertitel einzufügen, um Menschen, die zum Beispiel gehörlos und/oder neurodivergent sind, eine Teilhabe an Videoinhalten zu ermöglichen. Diese sollten nicht nur das gesprochene Wort wiedergeben, sondern auch beschreibende Elemente enthalten, wie zum Beispiel Hinweise auf die Hintergrundmusik oder Tonlage des Gesagten. Auch hierfür gibt es entsprechende Programme und KI-Anwendungen.

Quellen:

https://www.bemyeyes.com/blog/introducing-be-my-ai

Was ist hier noch genießbar? Und was kann weg?

Das Bild zeigt zwar ethnische und religiöse Vielfalt, doch es fehlt an geschlechtlicher Diversität. Wünschenswert wären gemischte Teams – auch in Hinblick auf die Geschlechtszugehörigkeit.

Die typische Rollenverteilung wird hier aufgebrochen, indem die Frau eine höhere berufliche Position einnimmt und ihrem Kollegen etwas erklärt. Trotzdem wird der Mann durch die Anordnung im Bild, die Haltung der Personen und ihre Blickrichtung nicht abgewertet.

Die Kleidung der Frau und ihre von der Kamera abgewandte Positionierung tragen dazu bei, dass sie in ihrer Darstellung am Arbeitsplatz sexualisiert wird.

In dieser Gruppenarbeit ist ethnische und geschlechtliche Diversität erkennbar. Zudem wird die stereotype Rollenverteilung zwischen den Geschlechtern aufgebrochen, indem sich der Mann Notizen macht, während die Frauen diskutieren.

Die Frau im Bild vermittelt Ernsthaftigkeit und Autorität gegenüber ihren Mitarbeitenden. Sie wird trotz ihrer auffälligen Kleidung im Arbeitsumfeld weder trivialisiert noch sexualisiert, gleichzeitig wird ethnische Vielfalt repräsentiert.

Dieses Bild zeigt eine sehr homogene Gruppe an Studierenden, die eine fehlende Vielfalt ausweist und die Diversität an der Hochschule deshalb nicht angemessen widerspiegelt.

Der Mann und die Frau arbeiten hier auf Augenhöhe zusammen, ohne dass auf Basis der Kleidung, Haltung, Ausdruck oder Tätigkeit beider eine Hierarchie erkennbar ist.

Trotz sichtbarer ethnischer und geschlechtlicher Vielfalt fällt auf, dass die Frauen ihre Blicke senken, während der Mann direkt in die Kamera schaut. Dadurch rückt er in den Mittelpunkt des Bildes.

Die Studentinnen werden hier in einer für die Wissenschaft irrelevanten Situation abgebildet. Dadurch wird ihre Rolle nicht nur trivialisiert, die Kleidung sorgt zusätzlich für eine potenzielle Sexualisierung.

Indem ausschließlich Männer in einem männlich dominierten Berufsfeld gezeigt werden, werden Stereotype verstärkt.

Obwohl das Bild Männer und Frauen im Arbeitskontext ausgewogen und auf Augenhöhe zeigt, mangelt es nicht nur an Diversität, das Bild wirkt zugleich gestellt und unauthentisch.

Ob als Mutter im häuslichen Umfeld oder bei der professionellen Sorgearbeit – diese Darstellung der Frau reproduziert traditionelle Geschlechterrollen und Stereotype.

Die Darstellung der beiden Personen ist ausgewogen. Außerdem wird die Frau entgegen dem Stereotyp in einem technischen und damit typisch männlichen Berufsfeld abgebildet.

Obwohl sie die gleiche berufliche Tätigkeit ausübt, ist die Frau ohne ersichtlichen Grund in den unscharfen Hintergrund gerückt, wodurch sie weniger bedeutend wirkt.