Diversität in der Lehre

Wenn ihr euch fragt, warum gendersensible Lehre allein noch nicht ausreicht, empfehlen wir euch unsere frische Backhefe. Die geht nicht nur auf, sondern auch weg wie warme Semmeln.

Neben Gender gibt es noch weitere Diversitätsmerkmale, die auch im Kontext der Hochschullehre eine Rolle spielen. Gender ist neben der Ethnie, sozialen Herkunft, Behinderung, Lebensalter oder Religion also nur ein Merkmal, das in Hinblick auf Offenheit und Vielfalt in der Lehre mitgedacht werden sollte. Eine diversitätssensible Lehre berücksichtigt deshalb vielfältige Aspekte, um ein möglichst breites Spektrum an Personengruppen einzubeziehen.

Umgang mit Diversität in der Lehre

Beim Umgang mit Diversität in der Lehre (und in allen organisationalen Zusammenhängen) ist es wichtig, kontextabhängig zu erkennen und zu entscheiden, welche Diversitätsdimensionen relevant sein könnten und welche nicht. Welche Dimensionen für die Hochschullehre eine Rolle spielen, zeigt die untenstehende Abbildung. Diversitätsmerkmale wie Geschlecht, Herkunft, sozioökonomischer Hintergrund oder kognitive Fähigkeiten sind allerdings nur dann von Bedeutung, wenn sie maßgeblich zu unterschiedlichen Lernerfolgen beitragen.

Oft spielt je nach Kontext nur eine Dimension eine entscheidende Rolle für Unterschiede und mögliche, unbewusste Benachteiligungen. Diversity-Kompetenz wird definiert als die „Fähigkeit eines Individuums, mit menschlicher Heterogenität kompetent, konstruktiv und zielorientiert umzugehen“. (1)

Lehrenden und Hochschulen kommt dabei die Aufgabe zu, Studierende einerseits als Individuen fern von Zuschreibungen zu betrachten, sie aber gleichzeitig wertfrei im Kontext einer oder mehrerer Merkmalsgruppen wahrzunehmen. Im Sinne einer gender- und diversitätsbewussten Lehre sind sowohl Lehrende als auch Studierende in der Lage, ihre eigene Lebenswelt und Erfahrungen zu reflektieren und diese im Hochschul- und fachspezifischen Kontext zu betrachten. Lehrende sollten sich der individuellen Bedürfnisse bewusst sein und verschiedene didaktische Methoden anwenden, um Lehrveranstaltungen gender- und diversitätsgerecht zu gestalten. Eine geringere Studienabbruchquote und eine geringere Fluktuation im Kreise der Mitarbeitenden sind nur zwei offensichtliche Mehrwerte durch eine diverse Lernkultur.

Ein weiterer wichtiger Aspekt ist die gezielte Überprüfung von Lehrinhalten auf Stereotype und Diskriminierung. Dadurch kann vermieden werden, dass unbewusste Diskriminierungsstrukturen, die oft bereits in der Kindheit durch Sozialisation, Medienkonsum und kulturelle Prägungen entstehen, ungefiltert an Studierende weitergegeben werden. Historisch gewachsene Machtstrukturen können die ungleiche Behandlung bestimmter Gruppen ebenfalls beeinflussen. Strukturelle Diskriminierung, die durch patriarchale und postkoloniale Geschichte geprägt ist, benachteiligt marginalisierte Personen und kann in Form von Mehrfachdiskriminierung – auch im Kontext der Hochschullehre – auftreten.

Der erste Schritt hin zu einer diverseren und inklusiveren Lehre besteht darin, sich der strukturellen Diskriminierung sowie der eigenen internalisierten Denkmuster und Verhaltensweisen bewusst zu werden. Doch wie lassen sich diese Denkmuster aufdecken?

Hier sind erste Ausgangsfragen, die Ihr Euch im Rahmen einer Selbstreflexion stellen könnt:

  • Welche Diversitätsmerkmale kenne ich?
  • Welche sind mir bewusst?
  • Wie nehme ich diese wahr, auch unbewusst?
  • Wer sind unsere „Durchschnittsstudierenden“?
  • Wie nehme ich diese wahr?
  • Fallen mir situative Beispiele und Erfahrungen ein?

In Kürze werden wir an dieser Stelle weitere Tipps und Fragen zur Selbstreflexion veröffentlichen.

Eine diverse und inklusive Lehre bietet einen Mehrwert für alle Studierenden und für die Lehrenden selbst. Sie fördert nicht nur die Chancengleichheit, sondern bereichert den Lernprozess durch die Einbeziehung unterschiedlicher Perspektiven und Erfahrungen. Durch eine insgesamt erfolgreichere, zufriedenere Lernatmosphäre erhalten Lehrende selbst eine höhere Selbstbestätigung und Anerkennung durch die Studierenden. Wir sind auch Vorbilder im zwischenmenschlichen Umgang.

Quellen:

(1) Aichinger, Regina; Frank Linde und Nicole Auferkorte-Michaelis 2020:
Diversität an Hochschulen – Chancen und Herausforderungen auf dem Weg
zu exzellenten und inklusive Hochschulen. ZFHE-Zeitschrift für Hochschulentwicklung. Bd. 15. Nr. 3.

Kahnemann, Daniel 2011: Schnelles Denken, Langsames Denken, Siedler Verlag München.

Kahnemann, Daniel 2011: Schnelles Denken, Langsames Denken, Siedler Verlag München.

Intersektionalität

Der von Kimberlé Crenshaw entwickelte Begriff der „Intersektionalität“ beschreibt das Zusammenspiel verschiedener Diversitätsmerkmale:

Keines dieser Merkmale kann isoliert betrachtet werden. Vielmehr sind es die Überschneidungen, Wechselwirkungen und Verflechtungen („intersections“) der Merkmale, die analysiert werden müssen. Intersektionalität ist ein wissenschaftliches und feministisches Konzept, mit dem beschrieben wird, wie unterschiedliche Formen von Diskriminierung zusammenwirken, sich überschneiden und voneinander abhängen. Auf diese Weise können multiple Ungleichheits- und Unterdrückungsverhältnisse einbezogen werden, die sich allein durch die Kategorie Gender nicht erklären lassen.

Eine Person ist nicht nur Frau, Schwarz oder homosexuell. Es müssen alle Diversitätsmerkmale gemeinsam betrachtet werden, denn diese Person macht andere Diskriminierungserfahrungen als eine weiße, homosexuelle Frau – deren Erfahrungen sich wiederum von denen einer weißen, heterosexuellen Frau unterscheiden. Das Konzept der Intersektionalität kann daher dabei helfen, komplexe Diskriminierungserfahrungen zu verstehen und einzuordnen.

Auch im Hochschulalltag kann ein grundlegendes Bewusstsein für unterschiedliche Diversitätsmerkmale hilfreich sein, beispielsweise um diskriminierendes Verhalten zu erkennen und angemessen darauf zu reagieren. Gleichzeitig sollen Studierende in der Lehre auf die Arbeitswelt bzw. ihr späteres Berufsleben vorbereitet werden. Daher sollte ihnen bereits während des Studiums vermittelt werden, dass allen Studierenden ungeachtet ihrer Diversitätsmerkmale die gleichen Chancen und Möglichkeiten zustehen – nicht nur an der Hochschule, sondern auch im späteren Berufsleben.

Quellen:

kurz erklärt: INTERSEKTIONALITÄT – Vielfalt Mediathek

https://www.genderdiversitylehre.fu-berlin.de/inhalte/forschung/Inhaltselemente/Inhalte/intersek.html

Diversitätskompetenz

Die eigene Lehre diversitätssensibel und inklusiv zu gestalten, setzt ein grundlegendes Wissen über Diversitätsdimensionen und Formen von Diskriminierung voraus. Daher gilt die Aufklärung und Weiterbildung von Lehrenden als zentraler Baustein einer diversitätssensiblen und inklusiven Lehr- und Lernkultur.

Folgende Schritte können Lehrende dabei unterstützen:

  1. Selbstreflexion der eigenen Position:
    Dies umfasst die eigene Sozialisierung, Bildungsbiografie und aktuelle Lebenssituation, einschließlich Privilegien und Marginalisierungen, sowie die persönliche Rolle im System und den bestehenden Machtverhältnissen. Denn: „Die innere Haltung, oft geprägt von unbewussten Denkmustern und Stereotypen, beeinflusst das Handeln gegenüber unterschiedlichen Studierendengruppen.“ (2)
  2. Bewusstsein für Diversität und Heterogenität in der Studierendengruppe:
    Studierende können jung oder älter sein, Eltern oder pflegende Angehörige. Sie können gesund, chronisch krank oder mit Behinderungen leben. Diese unterschiedlichen Lebensrealitäten haben direkten Einfluss auf ihre zeitlichen und mentalen Kapazitäten, ihre Anwesenheit an der Hochschule und ihre akademischen Leistungen. Ein Bewusstsein für diese Vielfalt schafft die Grundlage für Akzeptanz und Toleranz.
  3. Unsicherheiten durch Wissensaneignung abbauen:
    Neben anderen Barrieren stellen Unsicherheiten und Überforderung bei Lehrenden oft eine Herausforderung für diversitätssensible Lehre dar. Es empfiehlt sich daher, hochschuldidaktische Weiterbildungsprogramme zu nutzen und sich proaktiv fortzubilden. Dadurch können Lehrende Unsicherheiten reduzieren und Berührungsängste im Umgang mit Diversitätsthemen abbauen.
  4. Neues ausprobieren und didaktische Kreativität üben:
    Die Gestaltung einer diversitätssensiblen Lehre ist ein ko-konstruktiver Prozess, der mit Selbstreflexion und Bewusstseinsschärfung beginnt und sich in einem inklusiven Lehr-Lernsetting weiterentwickelt. Dabei kann eine Vielzahl didaktischer Methoden eingesetzt werden, um möglichst viele Studierende anzusprechen – hierbei bietet die Toolbox von Gil&Toni Unterstützung.
  5. Die eigenen Ressourcen nutzen:
    Aus persönlichen Privilegien und den bestehenden Machtverhältnissen erwachsene Handlungsspielräume können gezielt genutzt werden, um Diversitätssensibilität an der Hochschule zu fördern. Dazu gehört beispielsweise die Anpassung von Curricula, um auch Studierenden im Rahmen der Lehre Zugang zu Diversitätskompetenz zu ermöglichen. Die Selbstwirksamkeitserfahrung durch den Erwerb inklusiver Handlungskompetenzen kann sowohl Lehrende als auch Studierende motivieren und die Freude an der Lehre steigern.

Quellen:

(2) diversity-in-der-lehre-Leitfaden2021.pdf

https://www.pedocs.de/volltexte/2015/11398/pdf/Klages_2015_Gestaltungsraum_Hochschullehre.pdf

Inklusive Lehre

Artikel 26, Absatz 1 der UN Menschenrechte besagt:

„Jeder hat das Recht auf Bildung. Die Bildung ist unentgeltlich, zum mindesten der Grundschulunterricht und die grundlegende Bildung. Der Grundschulunterricht ist obligatorisch. Fach- und Berufsschulunterricht müssen allgemein verfügbar gemacht werden, und der Hochschulunterricht muss allen gleichermaßen entsprechend ihren Fähigkeiten offenstehen.” (3)

In Bezug auf die Lehre können bereits wenige Veränderungen im Lehrhandeln die Teilhabe aller Studierenden ermöglichen und sie dabei unterstützen, ihre Potenziale vollständig zu entfalten.

Handlungsempfehlungen für eine inklusive Lehre umfassen folgende Aspekte:

Unterschiedliche Lerngeschwindigkeiten berücksichtigen: Jede Person lernt in ihrem eigenen Tempo. Manche Studierende lernen sehr schnell, während andere mehr Zeit benötigen. Flexibilität in Bezug auf die Lerngeschwindigkeit und die Bereitstellung einer Bandbreite an Ressourcen können die Inklusion unterschiedlicher Studierender fördern. Eine Möglichkeit hierfür ist beispielsweise die Bereitstellung von Video- oder Audioaufnahmen, die von den Studierenden in selbst gewählter Geschwindigkeit abgespielt werden können.

Wertschätzende und diskriminierungsfreie Kommunikation: In Lehrveranstaltungen sollte auf verbale Stereotypisierungen und andere Formen der Diskriminierung verzichtet werden. Zudem können gendersensible Sprache, ALT-Texte für Bilder und eine transparente Kommunikation der Rahmenbedingungen (z. B. Erwartungen an Prüfungen) dazu beitragen, die Lehre inklusiver zu gestalten. Dies fördert nicht nur die Inklusion, sondern auch das allgemeine Wohlbefinden der Studierenden.

Lehrmaterialien barrierefrei und inklusiv gestalten: Barrierefreiheit zielt nicht nur auf bauliche Gegebenheiten ab, sondern auch darauf, Lerninhalte für alle Studierenden verständlich, lesbar und zugänglich zu machen. Dazu gehören die Verwendung von ALT-Texten für Bilder, eine kontrastreiche Gestaltung von Texten und Bildern, der Verzicht auf Dunkelmodi (weiße Schrift auf schwarzem Hintergrund) sowie die Bereitstellung von Untertiteln für Videos und Transkripten für Podcasts. Darüber hinaus sollten Lehrmaterialien regelmäßig überprüft und um neue Perspektiven ergänzt werden, die beispielsweise marginalisierte Gruppen repräsentieren oder alternative Vorbilder schaffen.

Akzeptanz verschiedener Lebenssituationen: Viele Studierende können aufgrund ihrer persönlichen Lebensumstände nicht in Vollzeit studieren oder sich in ihrer Freizeit mit zusätzlichen Lerninhalten beschäftigen. Einige müssen arbeiten, um ihren Lebensunterhalt zu finanzieren, während andere sich um pflegebedürftige Angehörige kümmern oder sich in zeitintensiven Ehrenämtern engagieren. Diese Umstände sind oft nicht bekannt, und betroffene Studierende sollten sich nicht rechtfertigen müssen. Es kann hilfreich sein, auf entsprechende Anlaufstellen und Unterstützungsnetzwerke hinzuweisen, doch oft reicht es bereits, Verständnis und Empathie entgegenzubringen.

Faire Prüfungsbedingungen schaffen: Klausuren, mündliche Prüfungen oder Hausarbeiten können für Studierende eine Herausforderung darstellen, insbesondere wenn sie unter Prüfungs- oder Versagensängsten leiden oder sich durch Konzentrations- oder Ausdrucksschwierigkeiten beeinträchtigt fühlen. Wenn möglich, sollten Studierende in die Wahl der Prüfungsform einbezogen werden, damit sie die für sie passende Methode wählen können. Eine klare und transparente Kommunikation der Prüfungsanforderungen und des Ablaufs kann bereits dazu beitragen, Ängste und Unsicherheiten abzubauen.

Ansprechpersonen und Anlaufstellen kennen: Hochschulen sind oft komplexe Systeme, in denen es für neue Studierende schwierig sein kann, sich zurechtzufinden. Daher ist es wichtig, zentrale Ansprechpersonen, Leitfäden, Raumpläne und andere relevante Rahmenbedingungen des Studiums zu kennen, um diese den Studierenden bei Bedarf zur Verfügung zu stellen. Auf diese Weise können Studierende nicht nur in Krisensituationen, sondern auch im alltäglichen Hochschulleben unterstützt und potenzielle Hürden abgebaut werden.

Quellen:

diversity-in-der-lehre-Leitfaden2021.pdf

(3) https://unric.org/de/allgemeine-erklaerung-menschenrechte/

https://www.pedocs.de/volltexte/2015/11398/pdf/Klages_2015_Gestaltungsraum_Hochschullehre.pdf