Eingemachtes

Feindbild Gender

Zeit, die rosarote Brille abzulegen: Der Antigenderismus stilisiert ein neues Feindbild und diskreditiert dabei ein breites Spektrum an Geschlechtsidentitäten. Diese sauren Gürkchen solltet ihr nicht unterschätzen.

Das Thema Gender und alles, was damit verbunden wird, unterliegt mittlerweile vor allem in rechtspopulistischen und -extremistischen Kreisen massiven Angriffen. Diese Angriffe äußern sich in Form von gezielten Desinformationskampagnen, der bewussten Verbreitung von Stereotypen und der Ablehnung von geschlechtlicher Vielfalt. Oft wird dabei versucht, Gender als Ideologie zu diffamieren, anstatt es als wissenschaftliches Konzept zu verstehen, das sich mit sozialen, kulturellen und politischen Dimensionen von Geschlecht auseinandersetzt. 

Diese Angriffe haben nicht nur Einfluss auf den öffentlichen Diskurs, sondern wirken sich auch auf die gesellschaftliche Akzeptanz von Gleichstellung, Diversität und Inklusion aus. Sie erschweren den Dialog und die Umsetzung von Maßnahmen, die darauf abzielen, strukturelle Benachteiligungen abzubauen und Chancengleichheit für alle Geschlechter zu fördern.

Der Antigenderismus

Antigenderismus erkennt Gender Studies nicht als wissenschaftliche Disziplin an und lehnt die geschlechtliche Vielfalt sowie das Leitbild des Gender-Mainstreaming und die Sichtbarkeit von LGBTQIA+ Personen ab.

Auch Gendervielfalt, also die Diversität von Geschlechtsidentitäten, wird im Antigenderismus nicht anerkannt. Diese Ablehnung wird häufig mithilfe von vermeintlichen oder veralteten Annahmen der Biologie begründet und reproduziert. Eine solche Haltung mündet nicht selten in Hass oder Gewalt gegenüber queeren Personen und hat somit direkte Auswirkungen auf ihre Lebensrealität.

Umso wichtiger ist es, sich mit fundiertem Wissen und einer klaren Haltung gegen solche Angriffe zu positionieren. Dazu gehört, die Bedeutung von Genderforschung und geschlechtlicher Vielfalt sachlich zu vermitteln, Vorurteile abzubauen und den Wert einer inklusiven Gesellschaft hervorzuheben. Gleichzeitig gilt es, diejenigen zu unterstützen, die von Diskriminierung und Ausgrenzung betroffen sind, und sich aktiv für eine offene und respektvolle Debattenkultur einzusetzen.

Manche Publizierende halten den gegenwärtigen Antigenderismus für die modernisierte Form des Antifeminismus. Doch was genau bedeutet das in der Praxis für betroffene Menschen?

Geschlechtsbezogene Gewalt

Antigenderismus und Antifeminismus zeigen sich nicht nur in verbalen Angriffen, sondern können auch eine körperliche Dimension annehmen. Besonders gefährdet sind dabei Frauen und queere Menschen, die einem erhöhten Risiko ausgesetzt sind, Opfer von geschlechtsbezogener Gewalt zu werden.

Alle vier Minuten erlebt eine Frau in Deutschland Gewalt durch ihren Partner oder Ex-Partner, und alle zwei bis drei Tage kommt es zu einem Femizid – der Tötung einer Frau aufgrund ihres Geschlechts oder geschlechtsspezifischer Normen.

Ende 2021 gab das Bundesministerium für Familie, Senioren, Frauen und Jugend bekannt, dass in Deutschland etwa jede dritte Frau mindestens einmal in ihrem Leben physische und/oder sexualisierte Gewalt erfährt.

Zudem erlebt etwa jede vierte Frau körperliche, sexualisierte und/oder psychische Gewalt in ihrer aktuellen Partnerschaft oder durch frühere Partner.

Die meisten Fälle von Gewalt werden jedoch aus Scham, Angst oder anderen Gründen nicht bei der Polizei gemeldet. Laut einer EU-Studie aus dem Jahr 2014 teilen nur 14 % der Frauen einen Vorfall von Gewalt in der Partnerschaft der Polizei mit.

Darüber hinaus nimmt die Gewalt gegen queere Menschen signifikant zu: Laut den Zahlen des Bundeskriminalamts und des Bundesinnenministeriums wurden im Jahr 2023 insgesamt 1.499 Straftaten im Bereich „sexuelle Orientierung“ und 854 Fälle im Bereich „geschlechtsbezogene Diversität“ gemeldet. Dies entspricht einem Anstieg von Gewaltdelikten gegen lesbische, schwule, bisexuelle und queere Menschen um etwa 49 % und gegen trans, intergeschlechtliche und nicht-binäre Menschen um etwa 105 %.

Zwar sind auch Männer von Gewalt in der Partnerschaft betroffen, jedoch unterscheiden sich diese Übergriffe deutlich in ihrer Schwere und Häufigkeit. Sowohl Frauen als auch queere Menschen erleben häufiger strukturelle Gewalt. „Strukturelle Gewalt umfasst gesellschaftliche, wirtschaftliche oder kulturelle Strukturen und Bedingungen, die Einzelpersonen oder Personengruppen systematisch benachteiligen.“ (1) Diese Form der Benachteiligung wird durch Machtgefälle, Einschüchterung und Kontrolle aufrechterhalten und ist daher besonders wirkungsvoll.

Quellen:

https://www.bmi.bund.de/SharedDocs/schwerpunkte/DE/gewalt-gegen-frauen/gewalt-gegen-frauen-artikel.html

https://www.bmfsfj.de/bmfsfj/themen/gleichstellung/frauen-vor-gewalt-schuetzen/haeusliche-gewalt/formen-der-gewalt-erkennen-80642

https://fra.europa.eu/sites/default/files/fra_uploads/fra-2014-vaw-survey-at-a-glance-oct14_de.pdf

https://www.lsvd.de/de/ct/2445-Queerfeindliche-Gewalt#wie-viel-hasskriminalitaet-gegen-lsbti

(1) https://www.frauen-gegen-gewalt.de/de/infothek/strukturelle-gewalt/merkmale-und-tatsachen.html

Politisierung von Gender

Der Antifeminismus – als Grundlage des Antigenderismus – „(…) ist so alt wie die Frauenbewegung selbst, die im Übergang zur Moderne die politische Bühne der Geschichte betritt.“ (2)

Mit der zweiten Frauenbewegung (1960er bis 1980er Jahre) gelang es Frauen, ihre Rechte zu erkämpfen. Seit 1977 durften sie einer Erwerbsarbeit nachgehen, ohne diese mit ihren damals noch rechtsgültigen Ehepflichten in Einklang bringen zu müssen und ohne die schriftliche Erlaubnis ihres Partners, Vaters oder einer anderen nahestehenden männlichen Person einholen zu müssen.

Doch als Reaktion auf die historisch erkämpften Frauenrechte existieren bis heute Gegenbewegungen: Die Befürwortende des Antifeminismus vertreten vornehmlich christliche, aristokratische, nationalkonservative, rechtspopulistische bis hin zu rechtsextreme Positionen. Ihnen gemein ist die Ablehnung von Frauenrechten sowie der Rechte queerer Menschen, gegen die sie versuchen, politisch und medial vorzugehen. Auch populistische Aussagen werden zu diesem Zweck wirkungsvoll eingesetzt.

Ein aktuelles Beispiel für Antifeminismus ist die sogenannte Tradwife-Bewegung. „Tradwife“ ist die Abkürzung für „traditional housewife“, übersetzt: „traditionelle Ehefrau“. Vor allem junge Frauen präsentieren sich auf Social-Media-Kanälen wie Instagram oder TikTok als vermeintliches Ideal einer traditionellen Ehefrau. In Videos demonstrieren sie, wie sie ihre Männer ver- und umsorgen. Mit selbst Gekochtem oder Gebackenem propagieren sie, wie wichtig es sei, als „gute Ehefrau“ den Wünschen und Bedürfnissen von Männern nachzukommen – bis hin zur Aufgabe der eigenen Erwerbstätigkeit. Dabei werden feministische Frauen und eine progressive Arbeitsteilung in Partnerschaften abgelehnt oder als Feindbild dargestellt.

Antifeministische Gegenbewegungen wie der Tradwife-Trend sichern das Fortbestehen des Patriarchats und der dominanten Machtstrukturen. Das Patriarchat als „Vaterherrschaft“ ist, vereinfacht gesagt, eine Gesellschaftsform, die von Männern geprägt ist. Die vorherrschenden Normen und Werte gehen auf männliche Denk- und Verhaltensmuster zurück, führende Positionen in Politik und Wirtschaft sind vor allem von Männern besetzt, Männer verdienen besser als Frauen, und sogar überlebenswichtige Bereiche wie die (medizinische) Forschung und Versorgung orientieren sich in erster Linie an den männlichen Mitgliedern der Gesellschaft.

So verfügen Männer in unserer Gesellschaft über die meisten Privilegien, die größte Macht und überproportional viel Geld. Um die Vormachtstellung des Patriarchats angesichts des steigenden Bewusstseins für geschlechtsbezogene Ungleichheit zu bewahren, wird seine Deutungshoheit über ideologische Kampfbegriffe wie „Genderwahn“ oder „Genderterror“ beansprucht.

Die dabei artikulierte Bedrohung basiert jedoch auf keinerlei wissenschaftlichen Erkenntnissen, sondern dient ausschließlich dem Machterhalt und der politischen Meinungsmache. Das durch die imaginierte Gefahr entstandene Narrativ wird durch Wahlentscheidungen, mediale Berichterstattung und rechtliche Rahmenbedingungen zunehmend salonfähig und stärkt im Umkehrschluss – neben der bereits erwähnten geschlechtsspezifischen Gewalt – rechte Positionen. Antigenderismus ebnet dabei den Weg für andere Formen der Diskriminierung, zum Beispiel für Rassismus und Antisemitismus.

Quellen:

(2) https://www.idz-jena.de/fileadmin/user_upload/PDFS_WSD7/Streichhahn.pdf

https://www.bpb.de/themen/gender-diversitaet/frauenbewegung/35287/ein-tomatenwurf-und-seine-folgen/#:~:text=Ein%20Tomatenwurf%20war%201968%20das,das%20Bild%20eines%20neuen%20Feminismus.

https://www.zdf.de/nachrichten/politik/ausland/tradwife-bewegung-trend-tiktok-100.html

https://www.fes.de/wissen/gender-glossar/patriarchat

Antidiskriminierung statt Antigenderismus

Für eine offene und tolerante Gesellschaft ist es unerlässlich, Diskriminierung jeglicher Art zu unterbinden und sich bewusst sowie proaktiv für Antidiskriminierung einzusetzen.

Denn während Antigenderismus vor allem auf die Unterdrückung marginalisierter Gruppen abzielt, können patriarchale Strukturen für alle Mitglieder einer Gesellschaft negative Folgen haben.

Viele Themen abseits von Gender und geschlechtsbezogener Ungleichheit sind bis heute gesellschaftlich tabuisiert. Dazu zählen beispielsweise psychische und physische Erkrankungen, Armut und finanzielle Verschuldung.

Um die dafür verantwortlichen Machtstrukturen aufzudecken und langfristig aufzubrechen, ist es für alle Menschen wichtig, sich eigener Sozialisierungen, verinnerlichter Stereotype und Geschlechternormen bewusst zu werden. Auf diese Weise können wir gemeinsam Neues lernen und zur Enttabuisierung stigmatisierter Themen beitragen.

Wo auch immer die eigene Reflexion beginnt: Es ist essenziell, sich in einer pluralen und offenen Gesellschaft klar zu positionieren. Denn Antigenderismus dient oftmals als identifikationsstiftendes Instrument für unterschiedliche Gruppierungen, die mithilfe eines gemeinsamen Feindbildes neue Mitstreiter mobilisieren – eine Gefahr, die offensichtlich weiter wächst. Um der Normalisierung von Diskriminierung und Antigenderismus entgegenzuwirken, sollten entsprechende Äußerungen nicht einfach hingenommen werden.

Ganz gleich, ob in der Öffentlichkeit, in der Familie, im Freundeskreis, an der Hochschule, online oder offline – es ist wichtig, Haltung gegen Ausgrenzung und Stigmatisierung zu zeigen.

 

Weiterführende Literatur und Links:

  1. Amadeu Antonio Stiftung (2022): Was ist Antifeminismus?, online unter: https://www.amadeu-antonio-stiftung.de/antifeminismus/was-ist-antifeminismus/ [04.11.2022]
  2. Streichhahn, Vincent (2020): Antifeminismus damals und heute: eine Geschichte ohne Ende?, online unter: https://www.idz-jena.de/wsddet/wsd7-3 [04.11.2022]
  3. Regenbogenportal BMFSFJ (2022): Anti-Genderismus: Gender unter Ideologieverdacht, online unter: https://www.regenbogenportal.de/informationen/anti-genderismus-gender-unter-ideologieverdacht [04.11.2022]
  4. Amadeu Antonio Stiftung (2022): Das können Sie gegen Antifeminismus tun, online unter: https://www.amadeu-antonio-stiftung.de/antifeminismus/das-koennen-sie-tun/ [04.11.2022]