Eingemachtes
Gender Gaps
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Gender Gaps bezeichnen Unterschiede oder Ungleichheiten zwischen den Geschlechtern in verschiedenen Lebensbereichen. Diese sogenannten Lücken können sich in Bezug auf Chancen, Rechte, Ressourcen, Gehälter, Bildung, politische Teilhabe und andere Aspekte des gesellschaftlichen und wirtschaftlichen Lebens zeigen. Bevor wir hier einige ausgewählte Gender Gaps erläutern, die eklatante Benachteiligungen von Frauen zur Folge haben, gehen wir auf die Hintergründe von geschlechtsbasierter Diskriminierung ein.
Geschlechtsbasierte Diskriminierung, die täglich sowohl direkt als auch indirekt auftritt, ist ein allgegenwärtiges Problem.
Direkte Diskriminierung liegt vor, wenn Regelungen oder Praktiken unmittelbar an einem Diskriminierungsmerkmal (wie dem Geschlecht) ansetzen und eine beabsichtigte Ungleichbehandlung daraus resultiert. Dies führt zu einer Benachteiligung der Betroffenen.
Beispiel: Eine Frau wird trotz bester Qualifizierungen nicht eingestellt, weil der Arbeitgeber eine mögliche Schwangerschaft und damit einen Arbeitsausfall befürchtet.
Der Zusammenhang zwischen direkter Diskriminierung und gesellschaftlichen Strukturen ist eng: Wir alle sind geprägt von unserer Sozialisation, Kultur, Traditionen und Stereotypen. Diese Prägungen haben direkte Auswirkungen auf unseren Alltag. Jeden Tag werden Menschen aufgrund gelernter und historisch gewachsener Strukturen ungleich behandelt. Diese Form der Benachteiligung, die durch unsere patriarchale und postkoloniale Geschichte geprägt ist, wird als strukturelle Diskriminierung bezeichnet. Sie entsteht, wenn die Schlechterstellung bestimmter Gruppen in der Organisation der Gesellschaft verankert ist.
Indirekte Diskriminierung hingegen bezieht sich auf Regelungen oder Praktiken, die zwar neutral formuliert sind und keine offensichtliche Benachteiligung beinhalten, sich aber in der konkreten Anwendung regelmäßig nachteilig auf bestimmte Gruppen auswirken.
Beispiel: In Teilzeitstellen, die überwiegend von Frauen besetzt werden, gibt es meist keine Aufstiegsmöglichkeiten. Dies führt in den meisten Fällen zu einer indirekten Diskriminierung, da Frauen im Vergleich zu ihren vollzeitbeschäftigten, männlichen Kollegen geringere Chancen auf Beförderung haben.
Besonders im Bereich der geschlechtsspezifischen Diskriminierung entstehen im Alltag Betroffener große Unterschiede: ungleiche Gehälter, ungleiche Verteilung von Sorgearbeit, unterschiedliche Risiken von Altersarmut, medizinische Vor- oder Nachteile sowie die unzureichende Erhebung und Berücksichtigung von Daten in Umfragen und Forschungsdesigns. Diese Ungleichheiten führen zu signifikanten Lücken (sogenannten Gaps) in verschiedenen Bereichen der Gesellschaft.
Vier besonders bekannte und weit verbreitete Formen der geschlechtsspezifischen Diskriminierung, die als Gender Gaps bezeichnet werden, sind:
- der Gender Pay Gap (Lohnlücke zwischen den Geschlechtern),
- der Gender Care Gap (ungleiche Verteilung von Sorgearbeit),
- der Gender Pension Gap (Rentenlücke zwischen den Geschlechtern) und
- der Gender Data Gap (Datenlücke, die geschlechtsspezifische Unterschiede ignoriert).
Diese werden hier näher erläutert.
Der Gender Pay Gap beschreibt einen geschlechtsspezifischen Verdienstunterschied.
In Deutschland liegt diese Lücke derzeit bei 18% (unbereinigt) und 6% (bereinigt).
Bei der Berechnung des unbereinigten Lohnunterschieds wird der allgemeine Durchschnittsverdienst aller Arbeitnehmenden verglichen. Die bereinigte Kennzahl berücksichtigt zudem weitere Vergleichsmerkmale wie Qualifikationen, Tätigkeiten und Erwerbsbiografien.
Männer verdienen im Durchschnitt 25,30 Euro brutto pro Stunde, während Frauen nur 20,84 Euro erhalten, was einen Unterschied von 4,46 Euro ausmacht. Aus diesem Grund findet in Deutschland jedes Jahr der Equal Pay Day statt. Dieser wurde ins Leben gerufen, um auf die bestehende, geschlechtsspezifische Lohnlücke aufmerksam zu machen.
Der Aktionstag findet an dem berechneten Tag im Jahr statt, der den Gender Pay Gap in Zahlen ausdrückt: „Dann steht der Equal Pay Day für den Tag, bis zu dem Frauen unbezahlt arbeiten, während Männer schon seit dem 1. Januar für ihre Arbeit bezahlt werden.” (1)
Im Jahr 2024 wird diese Differenz umgerechnet 66 Tage Lohnunterschied bedeuten. Daher fand der Equal Pay Day 2024 am 06. März 2024 statt.
Außerdem verdienen nur 10% der Frauen in Deutschland zwischen 30 und 50 Jahren mehr als 2000,- Euro netto im Monat. In der gleichen Altersspanne verfügen 42% der Männer über 2000,- Euro netto und mehr im Monat.
Der Gender Pay Gap variiert jedoch stark zwischen verschiedenen Arbeitsbereichen, wobei Beschäftigte in frauendominierten Branchen oft deutlich weniger verdienen als in männlich dominierten Sektoren.
Außerdem lassen sich in Deutschland regionale Unterschiede beobachten: Nicht nur zwischen Ost und West, sondern auch zwischen Nord und Süd ist ein klarer Unterschied erkennbar. Gerade die volkswirtschaftlich leistungsfähigsten Bundesländer, Baden-Württemberg, Bayern und Hessen, weisen die höchsten Gender Pay Gaps aus – während die ostdeutschen Bundesländer aufgrund anderer historischen Entwicklungen, die ihrerseits verändere Geschlechterrollen und eine höhere Erwerbsbeteiligung von Frauen bedingten, vergleichsweise niedrige Lohnunterschiede aufweisen.
In der Region München lag der unbereinigte Gender Pay Gap im Jahr 2023 bei 22,4%, der bereinigte Gender Pay Gap bei 12%.
Im EU-Vergleich ist der unbereinigte Gender Pay Gap in Deutschlands relativ hoch: Dort landete Deutschland im Ranking vom Jahr 2023 auf dem fünften Platz und weist somit eine im Vergleich zu anderen Mitgliedsstaaten einen überdurchschnittlich hohen Verdienstabstand zwischen Frauen und Männern auf.
Quellen:
(1) https://www.equalpayday.de/
https://www.destatis.de/DE/Themen/Arbeit/Verdienste/Verdienste-GenderPayGap/_inhalt.html
https://www.iab-forum.de/graphs/gender-pay-gap-variiert-stark-zwischen-den-branchen/
Unbereinigter Gender Pay Gap (GPG) nach Bundesländern – Statistisches Bundesamt
Der Gender Care Gap bezieht sich auf den Unterschied in der unbezahlten Sorgearbeit, die vor allem Frauen leisten, um sich um Kinder, pflegebedürftige Angehörige und Haushaltsaufgaben zu kümmern.
Frauen wenden pro Tag im Durchschnitt 44,3 % mehr Zeit für unbezahlte Sorgearbeit auf als Männer. Das entspricht 79 Minuten oder, anders ausgedrückt: In jeder Woche des Jahres leisten Frauen knapp 30 Stunden unbezahlte Sorgearbeit. Bei Männern sind es hingegen nur knapp 21 Stunden – unabhängig von ihrer sonstigen bezahlten Erwerbsarbeit.
Zusätzlich sinkt das Gehalt von Frauen in Deutschland nach der Geburt des ersten Kindes dauerhaft um bis zu 80 % und erreicht statistisch gesehen nicht mehr das ursprüngliche Niveau.
Dies wirkt sich auch auf den Zugang zu Führungspositionen und den Erwerbsverlauf aus. Viele Frauen geraten aufgrund ihres höheren Anteils an unbezahlter Sorgearbeit in die sogenannte „Teilzeitfalle“, was sowohl ihre Verdienstmöglichkeiten als auch ihre Aufstiegschancen erheblich beeinträchtigt. Die dauerhafte Erwerbstätigkeit in Teilzeit hat gleich doppelt negative Auswirkungen: Zum einen führt sie zu einem verringerten Verdienst und zum anderen zu schlechteren Aufstiegschancen. Dies kann langfristig zu einem niedrigen Rentenniveau bis hin zur Altersarmut führen.
Eine Möglichkeit, dem Gender Care Gap und seinen Auswirkungen auf die weibliche Erwerbstätigkeit entgegenzuwirken, ist eine verlängerte Elternzeit des Mannes. In zweigeschlechtlichen Paarbeziehungen könnte dies dazu führen, dass die Frau nach der Geburt schneller wieder in ihren Beruf zurückkehrt.
Weitere Begleitmaterialien zu diesem Thema stellen neben der Initiative Equal Care Day auch Oxfam mit der Initiative „Who Cares?“ zur Verfügung. Siehe Quellen.
Quellen:
https://www.henrikkleven.com/uploads/3/7/3/1/37310663/klevenetal_aea-pp_2019.pdf
Frodermann, Corinna, Andreas Filser & Ann-Christin Bächmann (2023): Elternzeiten von verheirateten Paaren: Mütter kehren meist schneller auf den Arbeitsmarkt zurück, wenn ihre Partner Elternzeit nehmen.
https://www.bundesfinanzministerium.de/Content/DE/FAQ/reform-der-steuerklassen.html
https://madamemoneypenny.de/moneytalk-ehevertrag.html
https://equalcareday.org/wp-content/uploads/2024/07/mental-load-work-de_2024.pdf
Weniger Gehalt, mehr unbezahlte Sorgearbeit: Die Folgen bestehender geschlechtsspezifischer finanzieller Missstände sind nicht nur allgegenwärtig, sondern stellen auch ein Problem für die Altersvorsorge dar – den sogenannten Gender Pension Gap. Dieser beschreibt die Rentenlücke, also die Ungleichheit der finanziellen Ressourcen, die im Rentenalter zur Verfügung stehen.
Auch die Eheschließung spielt eine entscheidende Rolle, denn das Ehegattensplitting im deutschen Steuersystem begünstigt ungleiche Gehaltsverteilungen in Partnerschaften. Durch die zusätzliche Besteuerung der weniger verdienenden Person – oft die Frau – verschärft dieses Modell die Armutsgefährdung von Frauen.
Darüber hinaus leben 41 % der Alleinerziehenden von Kindern unter 18 Jahren in Einkommensarmut – im Vergleich dazu ist die Armutsquote bei Paaren mit minderjährigen Kindern deutlich geringer. Von diesem Missstand sind Frauen in besonderem Maße betroffen, da in Deutschland aktuell 82,3 % der Alleinerziehenden Mütter sind.
Bestehende Armut und starke finanzielle Ungleichheiten wirken sich direkt auf das verfügbare Einkommen ab 65 Jahren aus. So liegt der Gender Pension Gap zwischen Frauen und Männern bei 27,1 % (unter Einberechnung von Hinterbliebenenrente/-pension) und bei 39,4 % (ohne die Berücksichtigung weiterer Bezüge).
Der Gender Pension Gap verdeutlicht die direkten Auswirkungen des Gender Pay Gaps und des Gender Care Gaps auf die finanzielle Situation von Frauen im Rentenalter. Hier wird klar: Kein Gender Gap kann isoliert betrachtet werden, denn geschlechtsspezifische Diskriminierung manifestiert sich in Form verschiedener Versorgungs-, Gesundheits- und Finanzlücken.
Quellen:
https://www.bertelsmann-stiftung.de/fileadmin/files/user_upload/Factsheet_Alleinerziehende_2024.pdf
Der Gender Data Gap umfasst Lücken in der statistischen und forschenden Datenerhebung, die sich in Bereichen wie IT, Technik, Automobilbranche, Medizin und vielen anderen finden lassen.
So werden beispielsweise in medizinischen Studien für Medikamente, Produkttests für Smartphones oder bei Auto-Crashtest-Dummy-Tests oft ausschließlich cis Männer mit bestimmten Normgrößen und Normgewichten berücksichtigt. Die Folge: Personen, die diesen körperlichen Vorgaben nicht entsprechen, leben oft gefährlicher, weil Medikamente falsch dosiert, Diagnosen zu spät gestellt oder Krankheiten nicht erkannt werden. Eine mangelhafte Datenlage und unzureichende Sicherheitsmaßnahmen im Auto führen dazu, dass bei einem Unfall 17 % mehr Frauen sterben als Männer.
Wer genau hinsieht, stellt fest, dass viele der bisher zitierten Studien auf binärgeschlechtlichen Angaben basieren, also nur Frauen und Männer befragt oder berücksichtigt wurden. Der Gender Data Gap beschreibt auch dieses Phänomen der fehlenden geschlechtsspezifischen Daten.
Neben gesundheitsschädigenden bis lebensbedrohlichen Auswirkungen ist die mangelhafte Datenlage oft ein Nährboden für die Reproduktion von Stereotypen und Mythen, die strukturelle und geschlechtsspezifische Diskriminierung verstärken. Beispiele hierfür sind:
- Die fehlende Anerkennung der prämenstruellen dysphorischen Störung (PMDS) und die Stereotypisierung von PMS.
- Die jahrzehntelange Falschdarstellung der Klitoris, die erst Ende 2022 wieder vollständig in Schul- und Lehrbücher aufgenommen wurde.
- Die mangelnde Repräsentation von Geschlechtervielfalt in der Werbung für Menstruationsprodukte – denn auch trans Männer menstruieren.
Obwohl das gesellschaftliche Bewusstsein für die Unterrepräsentation von Geschlechtervielfalt bereits wächst, wird es noch viele Jahre und umfassende Aufklärungsarbeit brauchen, um die vorhandene Datenlücke zu schließen.
Organisationen wie Queermed Deutschland bieten Info- und Begleitmaterialien an, die an Hochschulen ausgelegt oder in Kombination mit Trainings und Workshops verwendet werden können. Ziel ist es, im Bereich medizinischer Diskriminierung aufzuklären und sensibilisierte Anlaufstellen zu schaffen.
Quellen:
https://www.sciencedirect.com/science/article/pii/S0263237322001554?via%3Dihub
Criado-Perez, Caroline (2020): Unsichtbare Frauen: wie eine von Daten beherrschte Welt die Hälfte der Bevölkerung ignoriert, München: btb Verlag, S. 253-260