Frisches
Einwände und
gute Gründe
Unsere saftigen Zitronen eignen sich bestens für eine hausgemachte Limonade. Kritische Einwände und erfrischend gute Gründe für die gendersensible Kommunikation bieten dabei topaktuellen Gesprächsstoff.
Einwände und gute Gründe
Es gibt viele Einwände rund um das Thema gendersensible Sprache und noch mehr gute Gründe! Vielleicht findet ihr hier das ein oder andere Argument wieder, das euch selbst im Kopf herumschwirrt oder welches ihr immer wieder aus eurem Umfeld zu hören bekommt. Manche Einwände sind berechtigt, andere dagegen lassen sich schnell entkräften. Einfach mal durchlesen, mit den eigenen Erfahrungen abgleichen und fleißig weiter diskutieren.
Wie eine Person spricht, entscheidet diese ganz allein. Niemand soll gezwungen werden, sich gendersensibel auszudrücken und die eigene Sprache anzupassen. Sprache ist sehr persönlich und identitätsstiftend. Gleichzeitig sind die neuen Formen des Sprachgebrauchs für viele einfach ungewohnt und wie alles Neue erstmal irritierend. Das kann Gereiztheit und Abwehr hervorrufen. Wirklich problematisch wird es dann, wenn bestimmte Personen und politische Gruppierungen diese Irritation für ideologische Zwecke instrumentalisieren, zum Beispiel, um über Sprachkritik auf tradierten Rollenbildern zu beharren.
Um eine Spaltung der Gesellschaft zu vermeiden, ist es wichtig, im offenen Dialog zu bleiben. Sprich deshalb unbedingt mit anderen und höre auch zu, wenn Personen Einwände oder Schwierigkeiten äußern, was gendersensible Sprache betrifft. Meinungen sind vielfältig und verändern sich oft erst im Laufe der Zeit oder wenn prägende Erfahrungen mit diesem Thema gemacht worden sind. Auf dem individuellen und gesamtgesellschaftlichen Weg, eine gendersensible Sprache anzuerkennen und zu erlernen, brauchen wir gemeinsam viel Geduld, Offenheit, Toleranz und Austausch.
Quelle:
https://www.deutschlandfunk.de/sprachkritik-2-4-moral-statt-hasstiraden-100.html
Wir starten mit einem kurzen Rätsel: Vater und Sohn fahren im Auto. Sie haben einen Unfall, bei dem beide verletzt werden. Sie werden in ein Krankenhaus gebracht, in dem ein bekannter Chirurg arbeitet. Die Operation des Jungen wird vorbereitet und alles ist fertig, als der Chirurg erscheint, blass wird und sagt: „Ich kann nicht operieren, das ist mein Sohn!“. Verwirrt? Die Auflösung findet ihr in der Fußnote (1). Viele kommen nicht auf die Lösung, was aufzeigt, dass Frauen zwar mitgemeint, aber oftmals nicht mitgedacht sind. Basierend auf Studien konnte festgestellt werden, dass sich die meisten Menschen beim Benutzen des sogenannten generischen Maskulinums vor allem Männer vorstellen.
Die deutsche Sprache hat sich viele hundert Jahre lang in einer Gesellschaft entwickelt, in der Männer mehr Rechte und berufliche Möglichkeiten hatten als Frauen. Durch die Beschränkung der Frau auf den häuslichen Bereich wurden weibliche Bezeichnungen nur selten gebraucht, während der Mann beispielsweise als Bürger, Wähler, Handwerker oder Professor die Norm darstellte. Mit dem generischen Maskulinum über gemischte Gruppen so zu reden, als würden sie nur aus Männern bestehen, ist mit der Gleichberechtigung der Frau problematisch geworden. Denn Sprache bestimmt unser Denken und schafft ein Bewusstsein für gesellschaftliche Themen. Deshalb ist Sprache ein bedeutsames Instrument zur Förderung von Geschlechtergerechtigkeit – nicht nur für Frauen, sondern für Menschen aller Geschlechtsidentitäten.
Quelle:
Heise, E. (2000): Sind Frauen mitgemeint? Eine empirische Untersuchung zum Verständnis des generischen Maskulinums und seiner Alternativen. In: Sprache und Kognition. Zeitschrift für Sprach- und Kognitionspsychologie und ihre Grenzgebiete, S. 3–13.
Es gibt Menschen, die sich aus unterschiedlichen Gründen weder als Männer noch als Frauen identifizieren oder biologisch nicht eindeutig einem Geschlcht zugeordnet werden können. Für diese Menschen gibt es durch das Personenstandsgesetz von 2018 die Möglichkeit, im eigenen Personalausweis analog zum biologischen Geschlecht „divers“ oder „keine Geschlechtsangabe“ eintragen zu lassen. Andere fühlen sich einem anderen Geschlecht zugehörig, als das, was ihnen von außen zugeschrieben wird oder bei der Geburt zugewiesen wurde. Da Sprache die Realität abbildet, sollten auch diese Personen in der Sprache Berücksichtigung finden. Denn genau wie Männern und Frauen steht auch ihnen sprachliche Sichtbarkeit zu.
Während Binnen-I und Doppelnennung nur Frauen und Männer einschließen, werden durch Genderzeichen wie Doppelpunkt, Genderstern oder Gendergap auch nichtbinäre und genderqueere Menschen angesprochen. Mithilfe von Genderzeichen können wir unsere Sprache auf der Geschlechterebene so sensibler und inklusiver gestalten.
Quelle:
https://www.uni-bielefeld.de/verwaltung/refkom/gendern/gendersternchen/
Genderzeichen wie Doppelpunkt, Genderstern oder Gendergap sind juristisch weder richtig noch falsch. Im „Handbuch geschlechtergerechte Sprache“ aus dem Dudenverlag vom Jahr 2020 steht dazu, dass die Genderzeichen zwar noch nicht Bestandteil der amtlichen Rechtschreibung sind, aber jene mit der größten Reichweite werden als ein „legitimes Mittel des Strebens nach geschlechtergerechtem schriftlichen Ausdruck durchaus anerkannt“ (1). Auch der Rat für deutsche Rechtschreibung betont, dass allen Menschen mit einer sensiblen Ansprache und mit geschlechtergerechter Sprache begegnet werden soll. Gleichzeitig erfüllen die aktuellen Genderzeichen aus Sicht des Rats (noch) nicht die erforderlichen Kriterien, weshalb keine Empfehlung für Schulen, Verwaltung und Rechtspflege ausgesprochen wurde.
In den letzten Jahren wurde in einigen Bundesländern die öffentlich als „Genderverbot“ titulierte Änderung der jeweiligen Amtlichen Geschäftsordnung hinsichtlich Sprache verabschiedet. Diese Änderung bezieht sich allerdings nur auf den dienstlichen Schriftverkehr in Behörden und staatlichen Schulen der jeweiligen Bundesländer.
Auch wenn gendersensible Sprache derzeit politisch stark umkämpft ist, verbreiten sich Genderzeichen sowie die Nutzung neutraler Begriffsbezeichnungen stetig und in den unterschiedlichsten Kontexten.
Quellen:
(1) Diewald, G.; Steinhauer, A. (2020): Handbuch geschlechtergerechte Sprache; Wie Sie angemessen und verständlich gendern. Berlin: Cornelsen Verlag GmbH, S. 127.
https://www.rechtschreibrat.com/geschlechtergerechte-schreibung-empfehlungen-vom-26-03-2021/
https://www.antidiskriminierungsstelle.de/SharedDocs/downloads/DE/publikationen/Standpunkte/05_genderverbot.html
Das stimmt, gendersensible Sprache ist nur eines von vielen Instrumenten, die wir für das Ziel der geschlechtlichen Gleichstellung brauchen. Allerdings ist Sprache nicht zu unterschätzen, denn sie hat gravierende Auswirkungen auf unsere Wahrnehmung und Konstruktion der Welt. Damit kommt ihr eine wichtige Rolle zu, wenn es um die Förderung von Geschlechtergerechtigkeit geht. Als Beispiel für die Kraft der Sprache lassen sich die Ergebnisse einer Studie nennen, die aufgezeigt hat, dass sich Mädchen einen „männlich konnotierten“ Job (Frauenanteil geringer als 30 %, zum Beispiel im Bereich Automechanik) weniger wahrscheinlich zutrauen, wenn die Stellenanzeige im generischen Maskulinum verfasst ist. Außerdem wurde festgestellt, dass stereotype Bezeichnungen wie „der Ingenieur“ oder „die Krankenschwester“ diese Berufsfelder weniger attraktiv für andere Geschlechter machen. In dem Fall kann gendersensible Sprache dazu beitragen, dass sich Menschen auf Grundlage ihrer Interessen und Fähigkeiten für bestimmte Berufsfelder entscheiden, anstatt sich von Begriffen und daran geknüpften Geschlechterbildern abschrecken zu lassen. Und das wiederum schafft mehr Chancengleichheit, die die langfristige Gleichstellung aller Geschlechter in unserer Gesellschaft fördert. Mit Sprache lässt sich also gravierend Gesellschaftliches bewegen.
Quellen:
Vervecken, D.; Hannover, B. (2015): Yes I can! Effects of gender fair job descriptions on children’s perceptions of job status, job difficulty, and vocational self-efficacy, In Social Psychology.
Gaucher, D.; Friesen, J.; Kay, A. (2011): Evidence that gendered wording in job advertisements exists and sustains gender inequality. In: Journal of Personality and Social Psychology 101 (1), S. 109-128.
Je nach Anwendung kann gendersensible Sprache kompliziert, anstrengend und umständlich sein, zum Beispiel bei Sätzen wie „Der:die Kolleg:in, der:die in der Sitzung…“. Oftmals gibt es aber genügend Alternativen, wenn der Satz umgestellt, die Mehrzahl verwendet, oder eine neutrale Bezeichnung gefunden wird. So kann unser Beispielsatz durch die Nutzung eines neutralen Begriffs ziemlich entspannt gendersensibel werden: „Die Person aus dem Kollegium, die in der Sitzung…“.
Unnatürlich ist gendersensible Sprache dagegen nicht. Sprache befindet sich in einem fortlaufenden Prozess der Veränderung, den auch wir mitgestalten können. In den letzten Jahren wurden zum Beispiel Wörter wie „googlen“, „Meeting“ oder „Pointe“ fester Bestandteil unseres Wortschatzes. Diese Wörter zu hören und auszusprechen, fühlt sich wahrscheinlich für die Mehrheit mittlerweile ganz normal an. Und wenn wir geduldig und fehlerfreundlich miteinander umgehen, kann auch gendersensible Sprache irgendwann ein ganz alltäglicher und normaler Teil unserer Sprache werden.
Quelle:
https://gfds.de/alltagssprache-im-wandel-der-wortschatz-waechst-aber-nicht-nur/
Das stimmt, keines der bisherigen Genderzeichen erfüllt die Barrierefreiheit in der Schrift. Beispiele hierfür sind, dass keiner der Screenreader den Glottisschlag mit der richtigen Länge vorliest. Der Doppelpunkt wird zwar als Satzzeichenpause gelesen, allerdings lang gezerrt, was den Lesefluss stört. Der Deutsche Blinden- und Sehbehindertenverband empfiehlt zwar den Genderstern, allerdings nicht auf Basis einer barrierefreien Eignung, sondern um eine gesamtgesellschaftliche Einigung auf ein einziges Genderzeichen zu fördern. Denn die Vielzahl an Genderzeichen ist ebenfalls sehr herausfordernd für Menschen mit Sehbehinderung.
Des Weiteren können Genderzeichen Menschen mit Legasthenie Schwierigkeiten mit der Texterfassung bereiten. Und auch für Menschen mit kognitiven Einschränkungen können die derzeitigen Varianten gendersensibler Sprache Verständnisbarrieren schaffen. Hier empfiehlt sich gegebenenfalls die Doppelnennung oder die Verwendung neutraler Begriffe.
Gendersensible Sprache kann nicht mit der notwendigen Inklusion von Frauen und anderen Geschlechtern argumentieren, während sie gleichzeitig andere Personengruppen diskriminiert und ausschließt. Wir sehen die gendersensible Sprache als einen ersten prozesshaften Schritt, um sich langfristig einer diversitätssensiblen Sprache anzunähern, die allen Personengruppen gerecht wird.
Quelle:
https://www.dbsv.org/gendern.html