Gendersensible Sprache

Zum Heulen und doch ausgewogen in Aroma und Wirkung. Hinter unseren handlichen Zwiebeln verbirgt sich ein brennendes Thema: Die gendersensible Sprache.

Sprache prägt die Realität und hat eine inkludierende oder exkludierende Funktion. Sie ermöglicht uns, Personengruppen aktiv zu benennen und anzusprechen, um der Diskriminierung von beispielweise Frauen oder nicht-binären Menschen in unterschiedlichen Lebensbereichen sprachlich entgegenzuwirken. 

Übersicht der Unterschiede

In der deutschen Sprache gibt es eine Vielzahl an Möglichkeiten, Menschen unterschiedlicher Geschlechtsidentitäten nicht nur gedanklich, sondern auch sprachlich zu berücksichtigen. Die folgenden Optionen bieten Alternativen zum generischen Maskulinum, also der für alle Geschlechter verwendeten männlichen Form (z.B. der Mitarbeiter / die Mitarbeiter):

  • Doppelnennung: z.B. der Mitarbeiter und die Mitarbeiterin (binär für Mann und Frau)
  • Binnen-I: z.B. MitarbeiterInnen (binär für Mann und Frau)
  • Sonderzeichen: z.B. die Mitarbeiter:innendie Mitarbeiter_innendie Mitarbeiter*innen (inkludiert alle Geschlechter)
  • Substantivierte Partizipien im Plural: z.B. die Mitarbeitenden
  • Genderneutrale Bezeichnungen: z.B. die mitarbeitende Person

Die meisten Diskussionen und Diskurse werden zum Gendern geführt, doch eigentlich geht es um den Abbau von Geschlecht in unserem Sprachgebrauch – es könnte also ebenso gut vom Entgendern die Rede sein.

Im Folgenden kannst du nachlesen, welche Unterschiede es zwischen den verschiedenen Sonderzeichen gibt und wie sich gendersensible Sprache im Laufe der Zeit entwickelt hat.

Gendern mit Sonderzeichen

Eine Möglichkeit, gendersensible Sprache zu verwenden, ist das Gendern mit Sonderzeichen. Die gängigsten Varianten werden hier dargestellt:

  1. Der Genderstern (*), auch Asterix genannt.
    Bedeutung: Der Genderstern steht für Geschlechtervielfalt, jenseits von Binarität. Die Strahlen des Sternchens zeigen in verschiedene Richtungen und symbolisieren damit die unterschiedlichen Geschlechtsidentitäten.
  2. Der Unterstrich (_), auch Gendergap genannt
    Bedeutung: Als „gap” schafft er eine Lücke und somit Raum für Geschlechtervielfalt. Der Unterstrich wird zwischen der maskulinen Personenbezeichnung (dem Wortstamm) und der femininen Endung gesetzt.
  3. Der Doppelpunkt (:)
    Bedeutung: Er dient als Platzhalter im Wortstamm bei Personenbezeichnungen zwischen männlichen und weiblichen, nichtbinären oder genderqueeren Personen und ähnelt dem Unterstrich.

Um in der gesprochenen Sprache ein genderinklusives Sonderzeichen zu verdeutlichen, wird dieses als Glottisschlag (= stimmloser, glottaler Plosiv, umgangssprachlich auch Knacklaut genannt) ausgesprochen.

Übersetzt aus der Linguistik, und konkreter der Phonetik, bedeutet das, eine kurze Sprechpause zu machen.

Diese kurzen Pausen sind zum Beispiel aus Worten bekannt, wie The-ater oder Spiegel-ei.

Die Entwicklung der verschiedenen Sonderzeichen ist im Bereich „Sprachliche Historie” näher beschrieben.

Quelle:

https://www.genderleicht.de/sprechen/

Gesellschaftliche Debatte um Gendergerechtigkeit und Inklusion in der Sprache

Mittlerweile ist es Mitarbeitenden öffentlicher Behörden und Einrichtungen in einigen Bundesländern wie z.B. in Bayern gesetzlich untersagt, im dienstlichen Schriftverkehr und in der Normsprache mit Sonderzeichen zu gendern.

Hierzu äußerte sich die Unabhängige Bundesbeauftragte für Antidiskriminierung bereits im Vorfeld kritisch:

„Aus antidiskriminierungsrechtlicher Sicht ist es problematisch, wenn eine geschlechtergerechte Schreibweise mit ‚Gendersternchen‘, Doppelpunkt oder Unterstrich in staatlichen Einrichtungen wie Verwaltung, Schulen, Universitäten oder dem öffentlich-rechtlichen Rundfunk verboten werden soll.” (1)

Sowohl auf lokaler als auch bundespolitischer Ebene wird die Notwendigkeit des Genderns immer wieder diskutiert. Einerseits unterstützt der öffentliche Diskurs dabei, das Thema auf die politische Agenda zu setzen, gesellschaftliches Bewusstsein zu schaffen und den eigenen Sprachgebrauch zu reflektieren. Die Daseinsberechtigung gendersensibler Sprache jedoch wiederholt zu hinterfragen, kann sich auf der anderen Seite negativ für betroffene Menschen auswirken, die dadurch Rückschritte in ihren Kämpfen zur Gleichberechtigung erfahren.

Das Grundgesetz, Artikel 3, Paragraph 3 sieht vor: „Niemand darf wegen seines Geschlechts […] benachteiligt […] werden.” (2)

Gleichzeitig gilt es zu beachten, unterschiedliche Diversitätsdimensionen nicht im Namen der Inklusion gegeneinander auszuspielen. Insbesondere sprachliche Barrierefreiheit sollte in der öffentlichen Debatte um Gendergerechtigkeit nicht vernachlässigt werden. Deshalb wurden folgende Empfehlungen aufgestellt:

  1. „Um beim Gendern möglichst wenige Barrieren zu schaffen, ist es empfehlenswert, geschlechtsneutrale Formulierungen ohne Satz- oder Sonderzeichen zu verwenden, wann immer es möglich ist.” (3)
  2. „Falls jedoch mit Kurzformen [statt der Verwendung neutraler Formen] gegendert werden soll, empfiehlt der DBSV [Deutscher Blinden- und Sehbehindertenverband e.V.], das Sternchen zu verwenden, unter anderem, weil davon auszugehen ist, dass Doppelpunkt und Unterstrich für sehbehinderte Menschen schlechter erkennbar sind als das Sternchen.” (4)

Inklusion und gendergerechte Sprache schließen sich also nicht gegenseitig aus. Ganz im Gegenteil: Ein umfassendes Bewusstsein für unterschiedliche Diversitätsdimensionen kann sogar der Schlüssel zu einer offeneren, toleranteren Gesellschaft sein.

Quellen:

(1) https://www.antidiskriminierungsstelle.de/SharedDocs/downloads/DE/publikationen/Standpunkte/05_genderverbot.pdf?__blob=publicationFile&v=5
(2) https://www.bundesregierung.de/breg-de/themen/75-jahre-grundgesetz/artikel-3-gg-2267592#:~:text=(1)%20Alle%20Menschen%20sind%20vor,die%20Beseitigung%20bestehender%20Nachteile%20hin.
(3) https://be-hindernisse.org/2022/02/15/mythos-der-doppelpunkt-ist-perfekt-zum-entgendern/
(4) https://www.dbsv.org/gendern.html

Geschlechtsneutrale Formulierungen

Gendersensible Sprache beinhaltet, sowohl mit als auch über andere Personen korrekt zu sprechen. Dabei ist es unbedeutend, ob dies in mündlicher oder schriftlicher Form erfolgt.

Eine Alternative zum Gendern mit Sonderzeichen sind genderneutrale Formulierungen. Diese funktionieren für alle Menschen gleichermaßen – völlig unabhängig von ihrer Geschlechtszugehörigkeit.

Hier sind einige Möglichkeiten, geschlechtsneutral über Personen zu sprechen:

  • Substantiviertes Partizip im Plural: z.B. Studierende
  • Genderneutrale Personenbezeichnungen: z.B. Mensch, Teammitglied, Lehrkraft
  • Gängige Abkürzungen: z.B. TN statt Teilnehmer:innen

Teilweise lässt sich auch komplett auf Geschlechtsbezeichnungen verzichten, beispielsweise für den Versand von Postkarten, Briefen oder Paketen. Dort genügen meist bereits Vorname, Nachname und die entsprechenden Adressdaten.

Pronomen und Ansprache

Viele der gängigen Anreden in der schriftlichen und mündlichen Kommunikation implizieren eine Geschlechtszugehörigkeit, die wir schlichtweg vom äußeren Erscheinungsbild oder Vornamen einer Person ableiten. Die Formen der Anrede sind häufig binär, sie beziehen sich also nur auf Frauen und Männer. Hierzu zählen beispielweise „Liebe“ oder „Lieber“ ebenso wie „Sehr geehrte Frau“ oder „Sehr geehrter Herr“.
Welche tatsächliche Geschlechtsidentität eine Person jedoch hat, können wir erst durch Nachfragen erfahren oder dadurch, dass die Person selbst ihre Geschlechtsidentität z.B. durch die Nennung der Pronomen kommuniziert.

Geschlechtsneutrale Alternativen, die stattdessen verwendet werden können, sind:

  • Im Singular: Hallo, Guten Tag, Guten Morgen Toni Musterperson
  • Im Plural: Liebes Personal-Team, Sehr geehrtes Team, Sehr geehrte Mitarbeitende

Die Pronomen einer Person sind grundsätzlich selbstbestimmt und wie das Geschlecht nicht zu erraten oder vermuten. Sollten Dir die präferierten Pronomen einer Person also nicht bekannt sein, scheue Dich nicht nachzufragen!

Aktuell gibt es in Deutschland ca. 40 verschiedene, genderneutrale Pronomen, die in den 2000er Jahren im deutschsprachigen Raum entstanden sind und sich seitdem kontinuierlich weiterentwickelt haben.

Beispiele für die bekanntesten genderneutralen Pronomen sind:

  • dey/deren: Benja backt gerne Kuchen. Dey hat ein Lieblingsrezept und das ist American Cheesecake. Auch deren Hund mag den Käsekuchen sehr gern.
  • hen/hens: Alexis backt gern Kuchen. Hen hat ein Lieblingsrezept und das ist Schwarzwälder Kirschtorte. Hens Cousin hingegen mag gar nichts Süßes.
  • they/them: Mika backt gern Kuchen. They hat kein Lieblingskuchen und experimentiert immer mit den gerade vorhandenen Zutaten. Their Backkünste sind besonders kreativ.
  • sier/siem: Ali backt alles, außer Kuchen. Sier mag am liebsten Lasagne. Sies Geheimzutat ist eine Prise Kakaopulver.

Wenngleich genderneutrale Pronomen hauptsächlich von nicht-binären, queeren und trans Personen verwendet werden, lassen sie genauso wenig auf das Geschlecht einer Person zu schließen wie ihr Vorname.

Es bietet sich an, die eigenen Pronomen in der E-Mail-Signatur, Kontaktdaten, Videokonferenz-Tools, Visitenkarten und Ähnlichem zu hinterlegen, um die Kommunikation über sich selbst transparent zu gestalten.

Indem wir zur Normalisierung und Entstigmatisierung von Pronomenangaben beitragen, zeigen wir uns außerdem solidarisch mit queeren Personen. Weitere Möglichkeiten, Solidarität zu zeigen, erfahrt Ihr bei unserem bunten Brausepulver zum Thema Allyship.

Quelle:

https://nibi.space/pronomen

Exkurs: Historie und Entwicklung

Was heute oft als „neu” oder „Modeerscheinung” geframed wird, hat nicht selten einen geschichtlichen Hintergrund. Das gilt auch für gendersensible Formulierungen und Sonderzeichen.

So haben unter anderem Ende der 1970er Jahre die Linguistinnen Luise F. Pusch und Senta Trömel-Plötz die feministische Sprachkritik gegründet und die deutsche Sprache schon damals als „Männersprache” kritisiert.

Neben der Entwicklung des Binnen-I, entstand zu dieser Zeit auch die Sprechpause (Glottisschlag) als Zeichen geschlechtlicher Differenzierung, wobei noch primär binär unterschieden wurde.

In den 1990er Jahren folgte die Nutzung des Gendersternchens (Asterix) in der LGBTQIA+ Community , damals noch als „trans asterix” bekannt. Der Genderstern steht bis heute für Gendervielfalt und unterstreicht auch optisch die Existenz von mehr als zwei Geschlechtern.

Anfang der 1990er prägte Hermes Phettberg eine innovative genderneutrale Form in seinen Wiener Zeitungskolumnen: Eine Personenbezeichnung wurde durch den Artikel „das“ und die Endung auf -y einfach versachlicht, zum Beispiel: das Mitarbeity.

Der Unterstrich (Gender Gap) ist eine Erfindung von Steffen Kitty Herrmann aus den frühen 2000er Jahren. „Der Unterstrich solle ‚als Verräumlichung des Unsichtbaren‘ eben jenen Platz in der binären Geschlechterordnung markieren, den die Sprache nicht zulässt, den Platz der von der Geschlechterordnung abweichenden ‚Transgender-People und Gender-Outlaws‘, wie Herrmann formuliert.” (5)

Der Genderdoppelpunkt hat seinen Ursprung auf dem Fusion-Festival 2015 und verbreitete sich anschließend rapide im Kontext der oben beschriebenen Inklusionsdiskurse.

Ein kurzer Abschnitt aus der Historie der genderinklusiven Sprache zeigt, dass Sprache einem ständigen Wandel unterliegt. Wenn wir uns heute gendersensibel und inklusiv ausdrücken wollen, bedienen wir uns entsprechend neutraler Formen oder inklusiver Sonderzeichen.

Quellen:

https://www.genderleicht.de/luise-f-pusch-und-der-genderstern/

https://www.jungmut.com/blog/geschichte-geschlechtergerechte-sprache/#:~:text=Das%20Gendersternchen%20(Lehrer*innen),Doppelpunkt%20(Lehrer%3Ainnen)

https://www.deutschlandfunkkultur.de/entgendern-nach-hermes-phettberg-bis-das-arzty-kommt-100.html#:~:text=Diese%20Y%2DForm%20geht%20auf,2020%20ist%20%E2%80%9Edas%20Engl%C3%A4ndy%E2%80%9C

(5) https://www.tagesspiegel.de/gesellschaft/queerspiegel/was-soll-das-gendersternchen-4626487.html

https://missy-magazine.de/blog/2021/03/08/hae-was-heisst-denn-genderdoppelpunkt/#:~:text=Der%20Gender%2DDoppelpunkt%20tauchte%20wohl,offizieller%20Teil%20der%20amtlichen%20Rechtschreibung